Warum habe ich beim Gassigehen/Spaziergang nicht so viel Reichweite mit dem Elektromobil?

Das ist ein klassisches und sehr frustrierendes Phänomen bei Blei-Akkus, das oft für Verwirrung sorgt. Intuitiv denkt man: „Ich fahre langsamer, also verbrauche ich weniger Energie.“

In der Realität ist beim „Gassi-Gehen“ mit einem Blei-Gel/AGM-Akku jedoch genau das Gegenteil der Fall. Das liegt an einer unglücklichen Kombination aus Physik (Anfahren) und Chemie (Peukert-Effekt).

Hier sind die Gründe, warum dein Akku beim langsamen Fahren mit dem Hund schneller in die Knie geht:

1. Das „Stop & Go“-Problem (Der Hauptgrund)

Wenn du mit dem Hund unterwegs bist, fährst du wahrscheinlich nicht konstant 5 km/h durch. Du hältst an, der Hund schnüffelt, du fährst wieder an, bremst ab, fährst wieder an.

  • Energie-Spitzen: Das Anfahren aus dem Stand benötigt die meiste Energie (Stromspitzen). Ein E-Scooter zieht beim Beschleunigen kurzzeitig sehr hohe Ampere-Werte (oft das 5- bis 10-fache des Dauerstroms), um die Trägheit zu überwinden.
  • Vergleich: Konstant mit 20 km/h zu fahren ist für den Motor wie „Segeln“ – er muss nur den Luftwiderstand halten. Das ständige Anfahren beim Gassi-Gehen ist dagegen Schwerstarbeit.

2. Der Peukert-Effekt (Die Schwäche von Blei-Akkus)

Dies ist der technische Grund, warum Blei-Akkus (im Gegensatz zu Lithium-Akkus) hier besonders leiden. Der Peukert-Effekt besagt vereinfacht:

Je höher der Entladestrom, desto kleiner ist die nutzbare Kapazität eines Blei-Akkus.

  • Was passiert: Durch die hohen Stromspitzen beim ständigen Anfahren (siehe Punkt 1) sinkt die verfügbare Kapazität deines Akkus dramatisch.
  • Rechenbeispiel: Ein 12Ah Blei-Akku hat diese 12Ah nur, wenn du ihn ganz langsam über 20 Stunden entleerst. Ziehst du aber viel Strom (beim Anfahren), schrumpft der Akku chemisch gesehen plötzlich auf vielleicht nur noch 6Ah oder 8Ah zusammen. Die Energie „verschwindet“ nicht, sie kann nur nicht schnell genug chemisch freigesetzt werden.

3. Der Spannungseinbruch (Voltage Sag)

Blei-Akkus haben einen relativ hohen Innenwiderstand. Wenn du Gas gibst (hoher Strom), bricht die Spannung (Volt) sofort ein.

  • Der Controller deines Scooters überwacht die Spannung, um den Akku vor Tiefentladung zu schützen.
  • Bei den hohen Stromspitzen des Anfahrens „denkt“ der Controller oft fälschlicherweise, der Akku sei leer, weil die Spannung kurzzeitig unter den Grenzwert (Cut-Off) fällt, obwohl im Ruhezustand noch Energie da wäre. Er schaltet dann ab oder drosselt die Leistung.

4. Schlechter Wirkungsgrad im „Kriechgang“

E-Motoren haben ihren besten Wirkungsgrad meist bei höheren Drehzahlen (nahe der Endgeschwindigkeit).

  • Wenn du extrem langsam fährst (Schrittgeschwindigkeit), muss der Controller den Strom permanent „zerhacken“ (PWM-Regelung), und der Motor arbeitet in einem Bereich, in dem er mehr Wärme als Bewegung produziert. Du verheizt also wortwörtlich einen Teil der Energie im Motor und Controller.

Zusammenfassung & Tipp

Es liegt nicht an der langsamen Geschwindigkeit per se, sondern an der Art des Fahrens (ständiges Beschleunigen) und der Chemie des Blei-Akkus, der allergisch auf diese Lastspitzen reagiert.

Was du tun kannst:

Konstanz: Versuche, soweit möglich, „rollen“ zu lassen statt ständig „Gas-Bremse-Gas“ zu spielen.
 

Kick-Start: Versuche beim Anfahren kräftig mit dem Fuß anzuschieben, bevor du Gas gibst. Das kappt die extremen Stromspitzen, die den Blei-Akku am meisten belasten.

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